Sozialisation

Neben der systemischen Gefahr der Demokratie hat Big Data Einfluss auf unsere

soziale Interaktion - sei es im Freundeskreis oder bei der Partnersuche.

Emoji
Empfehlen: Social Media kann süchtig und krank machen
futureway Logo futureway Logo
© 2020 futureway Impressum Datenschutzerklärung
Das Wichtigste in Kürze Digitalisierung bedeutet für die Sozialisation: Gefährdung der entwicklungspsychologisch wichtigsten Instanzen Freundeskreis und Familie Mediensozialisation führt zu Orientierungslosigkeit und Informationsüberflutung Neuartige Gefahren durch Cybergewalt, Cybermobbing, Cybergrooming, Cyber- stalking und Cybersexismus Smartphones und Internet als Freiheitsfalle Big Data als systematische Gefahr für die selbstbestimmte, freiheitliche Demokratie
Sozialisation ist die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch Verinnerlichung von sozialen Normen. Sozialisationsprozesse bewirken, dass im sozialen Zusammenleben Handlungsbezüge und eine soziale Identität entsteht, auf die sich Menschen in ihrem sozialen Handeln beziehen. Sozialisa- tion ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit natürlichen Anlagen.

1. Sozialisation mit Familie und

Freunden

Wesentliche Aspekte zur Identitätsbildung für den Menschen als soziales Wesen sind Familie, Freunde, geistige Freiheit, Kreativität, Gemeinschaft, Privatheit, Individualität, Vertrauen und Naturerfahrung, natürliches Erleben seiner Triebe, Identitätsstiftende Kultur, Regeln die man beachtet oder boykottiert, soziale Milieus, genetische Anlagen, Krisen (diese können das Gehirn umstrukturieren und sind ein Reifungsprozess), Erinnerungen (der Geist sucht nach Gleichgesinn- tem, das Gehirn schafft sich seine eigene Realität. Wir nehmen nur 40 von 11 Millionen Sinneseindrucken pro Sekunde wahr). Denken, Wahrnehmung und Handeln ist in erster Linie Interpretation, Erinnerungen, Hoffnungen und Absichten steuern diesen „Filter“.

2. Mediensozialisation

Sozialisation durch Medien bei Kindern und Jugendlichen umfasst alle Aspekte, bei denen die Medien für die psychosoziale Entwicklung der Heranwachsenden eine Rolle spielen. Doch die Mediensozialisation ist keineswegs auf die Kindheit und Jugend begrenzt, sondern findet auch im Erwachsenenalter statt, z.B. im Kontext der beruflichen Sozialisation und der Alltagsgestaltung von Erwach- senen. Mediensozialisation wird stark getrieben von Ansprüchen an die Verfügbarkeit, an den sozialen Status, von Selbstinszenierung und Selbstschutz, Intimität und Öffentlichkeit, Mobilität und Vernetzung, Abhängigkeit und Kontrolle, Anteil- nahme und Impulsgebung. So ersetzen Medien letztlich eine natürliche Umwelt. Diese Entwicklung hat insbesondere die Sozialisation von Kindern und Jugend- lichen stark verändert. Kinder und Jugendliche werden von Informationen über- flutetet und wachsen in einer digitalen Umwelt auf, die den natürlichen Bedürf- nissen in keiner Weise entspricht. Familie und Freunde werden digital erfasst und über digital erworbenes Wissen beurteilt, wobei Emotionen oder Erlebnisse aus dem Alltag eine immer geringere Rolle spielen.

3. Informationsüberflutung

In Gesprächen finden sich daher oftmals typische Einleitungssätze wie „Ich habe auf Wikipedia gelesen, dass…“ oder „bei Facebook oder Instagram hat jemand einen interessanten Artikel gepostet, in dem…“. Der permanente Austausch über Gelesenes, Gehörtes und Gesehenes wird durch die Umwelt unterstützt. Überall wo wir hinschauen, sehen wir Medien, die uns mit Informationen zu- schütten. Ob in der U-Bahn oder im Wartezimmer beim Arzt, der Blick ist immer auf dem Smartphone. Informationen, ob wahr oder unwahr, vervielfältigen sich immer schneller. Damit wandelt sich auch der Anspruch an die Teilnehmer, zu erkennen, welches Wissen und welche Kompetenzen einen Wert haben. Aus gesellschafts- kritischer Perspektive muss man erwarten, dass nur ein kleiner Teil der Gesell- schaft über angemessene Filterkompetenzen verfügt. Der andere Teil der Gesellschaft wird durch den Unterhaltungsmarathon der kommerzialisierten Medien im Dämmerzustand gehalten.

4. Handys und Social Media

Wie aus der SINUS-Jugendstudie 2020 ersichtlich ist, ist die Erlebniswelt der Jugendlichen inzwischen digital. Schon die Kleinsten versuchen wischend das Handy der Eltern zu bedienen. Mit 12 Jahren sind fast alle Kinder online, haben ihr Smartphone immer dabei und schenken WhatsApp, YouTube, TikTok und Google ihre Aufmerksamkeit. Studien zeigen, dass viele der sogenannten „Digital Natives“ mehrere Stunden täglich online sind. Sie schicken sich Textnachrichten oder Fotos, schauen Videos an, spielen mit anderen Online-Spiele oder recherchieren für die Schule. Auch für die im Rahmen der SINUS-Studie befragten Jugendlichen bedeuten Smartpho- nes, das Internet und die Digitalisierung in erster Linie einen Zugang zu Sozialen Medien und damit zu ihren Freunden. Das Handy ist der tägliche Begleiter und auch ein Statussymbol. Die Nutzung der sozialen Netzwerke führen, häufig gerade bei jüngeren Nut- zern, dazu, dass diese die Preisgabe von Daten in Kauf genommen wird. Auch eine exzessive Nutzung bis hin zu onlinebasiertem Suchtverhalten werden durch die Allgegenwart und Gestaltung der Angebote begünstigt. Cybergewalt, Cyber- mobbing, Cybergrooming, Cyberstalking und Cybersexismus sind oft die Fort- setzung der Nutzung sozialer Medien.

5. Digitalisierte Körperlichkeit

Durch den Einfluss von sozialen Netzen haben Jugendliche oft kein realistisches Körperbild und orientieren sich stark an medial vermittelten Körperidealen. Als schön gilt, was Influencer auf Instagram, TikTok und YouTube vorleben. Beson- ders Instagram prägt das Körperbild mit, zeigt wie dieser zu optimieren und dis- ziplinieren ist. Das hat vor Jahren zu einer Pro-Magersucht-Bewegung in gesch- lossenen Internet-Foren geführt und findet nun in abgeschwächter Form öffent- lich statt. Die sogenannten Challenges richten sich vorwiegend an Nutzerinnen. Die vermittelte Botschaft lautet: Der Körper ist ein Rohstoff, der sich durch Leistung formen lässt. Das ist für viele eine „Herausforderung“: einem Körper- bild zu entsprechen, das häufig exzessiven Sport und Diäten voraussetzt.

6. Big Data

Der Whistleblower Edward Snowden hat bewusst gemacht, welche tiefgreifen- den Veränderungen mit der Nutzung des Internets vor sich gehen, bei denen wir freiwillig mitwirken. Statt digitaler Freiheit und Demokratie sind wir mit Big Data konfrontiert, der systematischen Verletzung von Grundrechten. Eine kollektive Selbsttäuschung findet ständig statt. Die digitale Freiheit, der Hype des Internets führt zu einer massenhaften Sammlung, Speicherung und Übertragung digitaler Daten die jede Möglichkeiten der Überwachung eröffnet und sich oft rechts- staatlicher Kontrolle entziehen. Smartphones, Tablets und PCs erweisen sich als eine große Freiheitsfalle, weil durch die Verletzung der Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre die Freiheit zu einer manipulierten Freiheit wird. Der reale Frei- heitsverlust wird von den meisten kaum wahrgenommen und von vielen sogar um andere Vorteile willen bewusst in Kauf genommen wird. So wird der Inter- netnutzer zum gläsernen Bürger. Wir überlassen heute viele Entscheidungen Algorithmen, indem wir bei Google den richtigen Arzt oder Informationen suchen oder über Google Maps den Weg suchen oder über eine Dating App den richtigen Partner suchen. Wir alle wissen, dass Google und andere Digitalanbieter mit den Suchanfragen und sonstigen kostenlosen Angeboten viel Geld verdienen. Plattformbetreiber wie die von Goo- gle und Facebook verwenden zur Erhebung von Personen- und Nutzungsdaten Techniken wie Nudging und der verdeckten Erhebung von Bewegungsdaten. Die personalisierte Suche und deren Ergebnisse basiert also letztlich auf den persönlichen Daten ( u.a. Standort, IP Adresse, Browser und Betriebssystem, Desktop oder Mobil, frühere Suchanfragen und besuchter Webseiten) die Google und andere abgreifen und auswerten. Die Algorithmen, mit denen Informationen selektiert und nutzerspezifisch angeboten werden, sind jedoch für Nutzer nicht mehr durchschaubar. Wenige Menschen berücksichtigen, dass die Suchergebnisse neben den persönli- chen Daten auch durch gekaufte Keywords beeinflusst werden. Das ist letztlich das Geschäftsmodel von Google, dass man die Sichtbarkeit über die Buchung von Keywords erhöht. So hat der BP-Konzern nach der Erdölexploration im Golf von Mexiko auf der Bohrplattform Deepwater Horizon mit gekauften Suchergebnissen seine Sicht der Ölkatastrophe im Netz populär machen. Um bei der Suche nach dem Begriff „Oil spill“, also Ölkatastrophe, in den Suchergebnissen ganz oben zu erscheinen und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sich der Suchende auf der firmenei- genen Homepage über die aktuelle Lage informiert und nicht auf anderen Inter- netseiten. Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Vertrauen der Nutzer gegenüber Google sehr hoch ist. Das liegt aber unter anderem an der Unkennt- nis über das Geschäftsmodel und die damit verbundenen Aktivitäten von Goo- gle. Vor allem der Unterschied zwischen bezahlten Anzeigen und organischen Suchergebnissen als auch die Nutzung persönlicher Daten wie der Such-Historie sind hierbei zu nennen. Vermutlich würde das Vertrauen gegenüber Google sin- ken, wenn die Datensammlung und Nutzung durch Google mehr ins Bewusstsein der Nutzer gelangten.

7. Dataismus: die neue Religion

Yuval Noah Harari hält den Siegeszug einer „Religion des Dataismus“ für mög- lich. Deren Anhänger glaubten, dass die Intelligenz, die durch Vernetzung von Computern und die Entwicklung eines „Internets der Dinge“ entstehe, zu einem „posthumanistischen Zeitalter“ führen werde, in dem Datenschutz und Demo- kratie sinnlose Begriffe seien. So seien soziale Netzwerke wie Facebook bereits heute in der Lage ist, durch die Analyse von „like“-Klicks, einen Menschen besser als dessen Lebenspartner zu kennen und welche Vorlieben und Abneigungen der betreffende Mensch habe. Bald schon werden entsprechend „gefütterte“ Netz- werke genauer als ein bestimmter Wähler wissen, welches Wahlverhalten für ihn am nützlichsten sei aber ihn auch hocheffektiv manipulieren können. Im August 2017 hatten Forscher der Stanford University eine künstliche Intelli- genz (KI) vorgestellt, die anhand von mehr als 35.000 Fotos einer Datingplatt- form die Gesichtsform, den Gesichtsausdruck und die Art, wie die Person sich gestylt hat, auslas und daraus die sexuellen Präferenzen der Personen zuord- nete. Anschließend ließen sie ihr Programm zufällige Fotos von hetero- und homosexuellen Personen untersuchen und sie einer sexuellen Orientierung zu- ordnen. Bei Männern lag die KI in 81 % der Fälle richtig, bei Frauen waren es 71 %. Unternehmen wie Google sind für Yuval Noah Harari eine moderne Form der Religion, die die Bürger diszipliniert. "Im mittelalterlichen Europa", schreibt Harari in einem Beitrag für die Financial Times, "hatten Priester und Eltern die Macht, den Ehepartner auszuwählen. In einer dataistischen Gesellschaft frage ich Google, den Ehepartner auszuwählen." Um mehr Gewissheit zu erlangen und Risiken zu minimieren, ließen wir uns von einer Maschine die Partnerwahl diktieren. Der Dataismus entmündige die Bürger und katapultiert die Menschen zurück in einen geistigen Feudalismus, in der man sich statt von Priestern von Maschinen bevormunden lässt. Zwar glaube, schreibt Harari, der Nutzer im Moment einer Suchanfrage, Herr über die Such- maschine zu sein und einen Befehl zu erteilen. Doch vollstrecke er dabei nur die Sachlogik des PageRank-Algorithmus, den die Entwickler im Silicon Valley pro- grammiert haben – und werde dabei zu einem Informationsmündel, weil er nur noch eine Art Second-Hand-Wissen erwirbt. Viele Länder preschen in der Einrichtung digitaler Identitätssysteme vor, die so- wohl online als auch offline zum Einsatz kommen können. Wie diese Systeme ge- staltet und welche Maßnahmen zum Schutz der Bürger ergriffen werden, haben nicht nur die Regierungen selbst in der Hand, sondern auch die größten Digital- Unternehmen und globale Regierungseinrichtungen wie die Weltbank. Machen wir damit die Digitalunternehmen zum Hüter unserer Identitätssysteme?

Grundlagen zur

Digitalisierung

Foto: Unsplash.com
Slaughterbots Slaughterbots
Verwandter Beitrag:
Verwandter Beitrag:
Slaughterbots Slaughterbots
Foto: Unsplash.com
Smartphone-Besitz bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland nach Altersgruppe Anteil der Befragten 100% 80% 60% 40% 20% 0% im Jahr 2019 im Jahr 2018
33%
75%
95%
95%
94%
6-7 Jahre
8-9 Jahre
10-11 Jahre
12-13 Jahre
14-15 Jahre
16-18 Jahre
8%
25%
52%
70%
6%
Abbildung: Smartphone- und Handynutzung durch Kinder und Jugendliche nach Altersgruppen 2018 und 2019. Die intelligenten Mobiltelefone sind für viele ein wichtiger Teil des alltäglichen Lebens geworden und der Umgang mit Smartphones beginnt bereits im Kindesalter. 2018: Befragt wurden 1.231 Kinder/ Haupterzieher. 2019: Befragt wurden 915 Kinder und Jugendliche. Quelle: Statista. 2018: Veröffentlicht von F. Tenzer, 21.04.2020; 2019: 07.04.2020.
Kinder nutzen zunehmend Whatsapp Kommunikations-Apps 60% 45% 30% 15% 0% 2017 2018 WhatsApp Facebook Instagram Snapchat Skype 2019
40%
48%
55%
17%
18%
17%
10%
9%
7%
6%
13%
5%
Abbildung: Kommunikations-Apps. Basis: 5,85 Mio. Gesamt 6-13 Jahre. Antworten der Kinder Quelle: Kinder-Medien-Studie 2019, Breinig, K.
Tätigkeiten der Befragten auf videofähigen Social-Media-Plattformen  in Prozent (N = 97) 100% 80% 60% 40% 20% 0% Videos schauen Videos zeigen
100%
6%
YouTube
67%
37%
Instagram
46%
30%
Snapchat
32%
17%
TikTok
31%
7%
Woanders
Abbildung: Tätigkeiten der Befragten auf videofähigen Social-Media-Plattformen in Prozent (N = 97). Insgesamt nahmen an der Erhebung 97 Heranwachsende in 17 Kleingruppen teil. Davon waren 89 im relevanten Alter von 12 bis 14 Jahren. Quelle: ACT ON! Short Report Nr. 7. „Du bist voll unbekannt!“, Selbstdarstellung, Erfolgsdruck und Interaktionsrisiken auf TikTok aus Sicht von 12- bis 14-Jährigen. JFF - Institut für Medienpädagogik, München 08.2020
Foto: Unsplash.com
Verwandte Beiträge:
Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots
Verwandte Beiträge:
Slaughterbots Slaughterbots
Verwandter Beitrag:
Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots
Verwandter Beitrag:
Datenanalyse für digitale Marketingkampagnen mit Kennzahlen und Schlüsselindikatoren (KPI) über das Dashboard von Informationen für die Werbestrategie im Internet. Foto: Sutterstock.com
Vertrauen die Nutzer den Google-Suchergebnissen? Wissen Sie, wie Google mit Suchenden Geld verdient? 976 Befragte Vertrauen Sie darauf, dass die Google-Suchergebnisse korrekt sind? 944 Befragte Denken Sie, dass sich Ihre Google-Suchergebnisse von denGoogle-Suchergebnissen anderer Personen unterscheiden? 894 Befragte Möchten Sie, dass Google Ihnen relevantere Ergebnisse liefert, wenn dies bedeutet, dass sie Ihr Suchprotokoll speichern und verwenden, um sie bereitzustellen? 867 Befragte Welche Arten von Suchanfragen vertrauen Sie am meisten auf Google-Ergebnisse? 828 Befragte
NEIN 63,7%
JA 36,3%
JA 72,3%
NEIN 27,7%
JA 56,5%
NEIN 43,5%
JA 34,7%
NEIN 65,3%
21,6% Regionale Unternehmen (zB Pizza in meiner Nähe)
28,1% Wie man etwas macht (zB wie man eine Krawatte bindet)
10,3% Das Beste aus einem Produkt finden (zB beste Ski)
40% spezifische Fragen (zB wer ist Snoke?)
Abbildung: Vertrauen die Nutzer den Google- Suchergebnissen? Quelle: „Do people trust Google Search Results?“, Google Consumer Confidence Report 2017
Noam Chomsky Noam Chomsky
Verwandtes Video:
Noam Chomsky Noam Chomsky
Verwandtes Video:

Grundlagen zur

Digitalisierung

© 2020 futureway Impressum & Datenschutzerklärung
Sozialisation Neben der systemischen Gefahr der Demokratie hat Big Data Einfluss auf unsere soziale Interaktion - sei es im Freundeskreis oder bei der Partnersuche.
Empfehlen: Social Media kann süchtig und krank machen
Das Wichtigste in Kürze Digitalisierung bedeutet für die Sozialisation: Gefährdung der entwicklungspsychologisch wichtigsten Instanzen Freundeskreis und Familie Mediensozialisation führt zu Orientierungs- losigkeit und Informationsüberflutung Neuartige Gefahren durch Cybergewalt, Cyber- mobbing, Cybergrooming, Cyberstalking und Cybersexismus Smartphones und Internet als Freiheitsfalle Big Data als systematische Gefahr für die selbst- bestimmte, freiheitliche Demokratie
Sozialisation ist die Anpassung an gesellschaftliche Denk- und Gefühlsmuster durch Verinnerlichung von sozialen Normen. Sozialisationsprozesse bewirken, dass im sozialen Zusammenleben Handlungsbezüge und eine soziale Identität entsteht, auf die sich Menschen in ihrem sozialen Handeln beziehen. Sozialisation ist die lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit natürlichen Anlagen.

1. Sozialisation mit

Familie und Freunden

Wesentliche Aspekte zur Identitätsbildung für den Menschen als soziales Wesen sind Familie, Freunde, geistige Freiheit, Kreativität, Gemeinschaft, Privat- heit, Individualität, Vertrauen und Naturerfahrung, natürliches Erleben seiner Triebe, Identitätsstiften- de Kultur, Regeln die man beachtet oder boykot- tiert, soziale Milieus, genetische Anlagen, Krisen (diese können das Gehirn umstrukturieren und sind ein Reifungsprozess), Erinnerungen (der Geist sucht nach Gleichgesinntem, das Gehirn schafft sich seine eigene Realität. Wir nehmen nur 40 von 11 Millionen Sinneseindrucken pro Sekunde wahr). Denken, Wahrnehmung und Handeln ist in erster Linie Interpretation, Erinnerungen, Hoffnungen und Absichten steuern diesen „Filter“.

2. Mediensozialisation

Sozialisation durch Medien bei Kindern und Jugendlichen umfasst alle Aspekte, bei denen die Medien für die psychosoziale Entwicklung der Heranwachsenden eine Rolle spielen. Doch die Mediensozialisation ist keineswegs auf die Kindheit und Jugend begrenzt, sondern findet auch im Erwachsenenalter statt, z.B. im Kontext der beruf- lichen Sozialisation und der Alltagsgestaltung von Erwachsenen. Mediensozialisation wird stark getrieben von Ansprüchen an die Verfügbarkeit, an den sozialen Status, von Selbstinszenierung und Selbstschutz, Intimität und Öffentlichkeit, Mobilität und Vernet- zung, Abhängigkeit und Kontrolle, Anteilnahme und Impulsgebung. So ersetzen Medien letztlich eine natürliche Umwelt. Diese Entwicklung hat insbesondere die Sozialisa- tion von Kindern und Jugendlichen stark verändert. Kinder und Jugendliche werden von Informationen überflutetet und wachsen in einer digitalen Umwelt auf, die den natürlichen Bedürfnissen in keiner Weise entspricht. Familie und Freunde werden digital er- fasst und über digital erworbenes Wissen beurteilt, wobei Emotionen oder Erlebnisse aus dem Alltag eine immer geringere Rolle spielen.

3. Informations-

überflutung

In Gesprächen finden sich daher oftmals typische Einleitungssätze wie „Ich habe auf Wikipedia gele- sen, dass…“ oder „bei Facebook oder Instagram hat jemand einen interessanten Artikel gepostet, in dem…“. Der permanente Austausch über Gelese- nes, Gehörtes und Gesehenes wird durch die Umwelt unterstützt. Überall wo wir hinschauen, sehen wir Medien, die uns mit Informationen zuschütten. Ob in der U-Bahn oder im Wartezimmer beim Arzt, der Blick ist immer auf dem Smartphone. Informa- tionen, ob wahr oder unwahr, vervielfältigen sich immer schneller. Damit wandelt sich auch der Anspruch an die Teilnehmer, zu erkennen, welches Wissen und welche Kompetenzen einen Wert haben. Aus gesellschaftskritischer Perspektive muss man erwarten, dass nur ein kleiner Teil der Gesell- schaft über angemessene Filterkompetenzen ver- fügt. Der andere Teil der Gesellschaft wird durch den Unterhaltungsmarathon der kommerzialisier- ten Medien im Dämmerzustand gehalten.

4. Handys und Social

Media

Wie aus der SINUS-Jugendstudie 2020 ersichtlich ist, ist die Erlebniswelt der Jugendlichen inzwi- schen digital. Schon die Kleinsten versuchen wischend das Handy der Eltern zu bedienen. Mit 12 Jahren sind fast alle Kinder online, haben ihr Smartphone immer dabei und schenken WhatsApp, YouTube, TikTok und Google ihre Aufmerksamkeit. Studien zeigen, dass viele der sogenannten „Digital Natives“ mehrere Stunden täglich online sind. Sie schicken sich Textnachrichten oder Fotos, schauen Videos an, spielen mit anderen Online-Spiele oder recherchieren für die Schule. Auch für die im Rahmen der SINUS-Studie befragten Jugendlichen bedeuten Smartphones, das Internet und die Digitalisierung in erster Linie einen Zugang zu Sozialen Medien und damit zu ihren Freunden. Das Handy ist der tägliche Begleiter und auch ein Statussymbol. Die Nutzung der sozialen Netzwerke führen, häufig gerade bei jüngeren Nutzern, dazu, dass diese die Preisgabe von Daten in Kauf genommen wird. Auch eine exzessive Nutzung bis hin zu onlinebasiertem Suchtverhalten werden durch die Allgegenwart und Gestaltung der Angebote begünstigt. Cybergewalt, Cybermobbing, Cybergrooming, Cyberstalking und Cybersexismus sind oft die Fortsetzung der Nutzung sozialer Medien.

5. Digitalisierte

Körperlichkeit

Durch den Einfluss von sozialen Netzen haben Jugendliche oft kein realistisches Körperbild und orientieren sich stark an medial vermittelten Körperidealen. Als schön gilt, was Influencer auf Instagram, TikTok und YouTube vorleben. Beson- ders Instagram prägt das Körperbild mit, zeigt wie dieser zu optimieren und disziplinieren ist. Das hat vor Jahren zu einer Pro-Magersucht-Bewegung in geschlossenen Internet-Foren geführt und findet nun in abgeschwächter Form öffentlich statt. Die sogenannten Challenges richten sich vorwiegend an Nutzerinnen. Die vermittelte Botschaft lautet: Der Körper ist ein Rohstoff, der sich durch Leistung for- men lässt. Das ist für viele eine „Herausforderung“: einem Körperbild zu entsprechen, das häufig exzes- siven Sport und Diäten voraussetzt.

6. Big Data

Der Whistleblower Edward Snowden hat bewusst gemacht, welche tiefgreifenden Veränderungen mit der Nutzung des Internets vor sich gehen, bei denen wir freiwillig mitwirken. Statt digitaler Frei- heit und Demokratie sind wir mit Big Data konfron- tiert, der systematischen Verletzung von Grund- rechten. Eine kollektive Selbsttäuschung findet ständig statt. Die digitale Freiheit, der Hype des Internets führt zu einer massenhaften Sammlung, Speicherung und Übertragung digitaler Daten die jede Möglichkeiten der Überwachung eröffnet und sich oft rechtsstaatlicher Kontrolle entziehen. Smartphones, Tablets und PCs erweisen sich als eine große Freiheitsfalle, weil durch die Verletzung der Persönlichkeitsrechte und Privatsphäre die Freiheit zu einer manipulierten Freiheit wird. Der reale Freiheitsverlust wird von den meisten kaum wahrgenommen und von vielen sogar um andere Vorteile willen bewusst in Kauf genommen wird. So wird der Internetnutzer zum gläsernen Bürger. Wir überlassen heute viele Entscheidungen Algo- rithmen, indem wir bei Google den richtigen Arzt oder Informationen suchen oder über Google Maps den Weg suchen oder über eine Dating App den richtigen Partner suchen. Wir alle wissen, dass Google und andere Digitalanbieter mit den Suchan- fragen und sonstigen kostenlosen Angeboten viel Geld verdienen. Plattformbetreiber wie die von Google und Facebook verwenden zur Erhebung von Personen- und Nutzungsdaten Techniken wie Nudging und der verdeckten Erhebung von Bewe- gungsdaten. Die personalisierte Suche und deren Ergebnisse basiert also letztlich auf den persönli- chen Daten (u.a. Standort, IP Adresse, Browser und Betriebssystem, Desktop oder Mobil, frühere Such- anfragen und besuchter Webseiten) die Google und andere abgreifen und auswerten. Die Algorithmen, mit denen Informationen selektiert und nutzerspe- zifisch angeboten werden, sind jedoch für Nutzer nicht mehr durchschaubar. Wenige Menschen berücksichtigen, dass die Such- ergebnisse neben den persönlichen Daten auch durch gekaufte Keywords beeinflusst werden. Das ist letztlich das Geschäftsmodel von Google, dass man die Sichtbarkeit über die Buchung von Key- words erhöht. So hat der BP-Konzern nach der Erdölexploration im Golf von Mexiko auf der Bohrplattform Deepwater Horizon mit gekauften Suchergebnissen seine Sicht der Ölkatastrophe im Netz populär machen . Um bei der Suche nach dem Begriff „Oil spill“, also Ölkatastrophe, in den Suchergebnissen ganz oben zu erscheinen und die Wahrscheinlichkeit zu erhö- hen, dass sich der Suchende auf der firmeneigenen Homepage über die aktuelle Lage informiert und nicht auf anderen Internetseiten. Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das Vertrauen der Nutzer gegenüber Google sehr hoch ist . Das liegt aber unter anderem an der Unkenntnis über das Geschäftsmodel und die damit verbundenen Aktivitäten von Google. Vor allem der Unterschied zwischen bezahlten Anzeigen und or- ganischen Suchergebnissen als auch die Nutzung persönlicher Daten wie der Such-Historie sind hier- bei zu nennen. Vermutlich würde das Vertrauen ge- genüber Google sinken, wenn die Datensammlung und Nutzung durch Google mehr ins Bewusstsein der Nutzer gelangten.

7. Dataismus:

die neue Religion

Yuval Noah Harari hält den Siegeszug einer Religion des Dataismus “ für möglich. Deren Anhänger glaubten, dass die Intelligenz, die durch Vernetzung von Computern und die Entwicklung eines „Internets der Dinge“ entstehe, zu einem „posthumanistischen Zeitalter“ führen werde, in dem Datenschutz und Demokratie sinnlose Begriffe seien. So seien soziale Netzwerke wie Facebook bereits heute in der Lage ist, durch die Analyse von „like“-Klicks, einen Menschen besser als dessen Lebenspartner zu kennen und welche Vorlieben und Abneigungen der betreffende Mensch habe. Bald schon werden entsprechend „gefütterte“ Netzwerke genauer als ein bestimmter Wähler wis- sen, welches Wahlverhalten für ihn am nützlichsten sei aber ihn auch hocheffektiv manipulieren können. Im August 2017 hatten Forscher der Stanford University eine künstliche Intelligenz (KI) vorge- stellt, die anhand von mehr als 35.000 Fotos einer Datingplattform die Gesichts-form, den Gesichts- ausdruck und die Art, wie die Person sich gestylt hat, auslas und daraus die sexuellen Präferenzen der Personen zuordnete . Anschließend ließen sie ihr Programm zufällige Fotos von hetero- und ho- mosexuellen Personen untersuchen und sie einer sexuellen Orien-tierung zuordnen. Bei Männern lag die KI in 81% der Fälle richtig, bei Frauen waren es 71%. Unternehmen wie Google sind für Yuval Noah Harari eine moderne Form der Religion, die die Bürger diszipliniert. "Im mittelalterlichen Europa", schreibt Harari in einem Beitrag für die Financial Times, "hatten Priester und Eltern die Macht, den Ehepartner auszuwählen. In einer dataistischen Gesellschaft frage ich Google, den Ehepartner aus- zuwählen." Um mehr Gewissheit zu erlangen und Risiken zu mi- nimieren, ließen wir uns von einer Maschine die Partnerwahl diktieren. Der Dataismus entmündige die Bürger und katapultiert die Menschen zurück in einen geistigen Feudalismus, in der man sich statt von Priestern von Maschinen bevormunden lässt. Zwar glaube, schreibt Harari, der Nutzer im Moment einer Suchanfrage, Herr über die Suchmaschine zu sein und einen Befehl zu erteilen . Doch vollstrecke er dabei nur die Sachlogik des PageRank-Algorith- mus, den die Entwickler im Silicon Valley program- miert haben – und werde dabei zu einem Informa- tionsmündel, weil er nur noch eine Art Second-Hand- Wissen erwirbt. Viele Länder preschen in der Einrichtung digitaler Identitätssysteme vor, die sowohl online als auch offline zum Einsatz kommen können. Wie diese Systeme gestaltet und welche Maßnahmen zum Schutz der Bürger ergriffen werden, haben nicht nur die Regierungen selbst in der Hand, sondern auch die größten Digital-Unternehmen und globale Regierungseinrichtungen wie die Weltbank. Machen wir damit die Digitalunternehmen zum Hüter unse- rer Identitätssysteme?
Foto: Unsplash.com
Slaughterbots Slaughterbots
Verwandter Beitrag:
Verwandter Beitrag:
Slaughterbots Slaughterbots
Foto: Unsplash.com
Smartphone-Besitz bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland nach Altersgruppe Anteil der Befragten 100% 80% 60% 40% 20% 0% im Jahr 2019 im Jahr 2018
33%
75%
95%
95%
94%
6-7 Jahre
8-9 Jahre
10-11 Jahre
12-13 Jahre
14-15 Jahre
16-18 Jahre
8%
25%
52%
70%
6%
Abbildung: Smartphone- und Handynutzung durch Kinder und Jugendliche nach Altersgruppen 2018 und 2019. Die intelligenten Mobiltelefone sind für viele ein wichtiger Teil des alltäglichen Lebens geworden und der Umgang mit Smartphones beginnt bereits im Kindesalter. 2018: Befragt wurden 1.231 Kinder/ Haupterzieher. 2019: Befragt wurden 915 Kinder und Jugendliche. Quelle: Statista. 2018: Veröffentlicht von F. Tenzer, 21.04.2020; 2019: 07.04.2020.
Kinder nutzen zunehmend Whatsapp Kommunikations-Apps 60% 45% 30% 15% 0% 2017 2018 WhatsApp Facebook Instagram 2019 Snapchat Skype
40%
48%
55%
17%
18%
17%
10%
9%
7%
6%
13%
5%
Abbildung: Kommunikations-Apps. Basis: 5,85 Mio. Gesamt 6-13 Jahre. Antworten der Kinder Quelle: Kinder-Medien-Studie 2019, Breinig, K.
Tätigkeiten der Befragten auf videofähigen Social-Media-Plattformen  in Prozent (N = 97) 100% 80% 60% 40% 20% 0% Videos schauen Videos zeigen
100 %
6%
YouTube
67%
37%
Instagram
46%
30%
Snapchat
32%
17%
TikTok
31%
7%
Woanders
Abbildung: Tätigkeiten der Befragten auf videofähigen Social-Media- Plattformen in Prozent (N = 97). Insgesamt nahmen an der Erhebung 97 Heranwachsende in 17 Kleingruppen teil. Davon waren 89 im relevanten Alter von 12 bis 14 Jahren. Quelle: ACT ON! Short Report Nr. 7. „Du bist voll unbekannt!“, Selbstdarstellung, Erfolgsdruck und Interaktionsrisiken auf TikTok aus Sicht von 12- bis 14-Jährigen. JFF - Institut für Medienpädagogik, München 08.2020
Foto: Unsplash.com
Verwandte Beiträge:
Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots
Verwandte Beiträge:
Slaughterbots Slaughterbots
Verwandter Beitrag:
Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots Slaughterbots
Verwandter Beitrag:
Datenanalyse für digitale Marketingkampagnen mit Kennzahlen und Schlüsselindikatoren (KPI) über das Dashboard von Informationen für die Werbestrategie im Internet. Foto: Sutterstock.com
Vertrauen die Nutzer den Google-Suchergebnissen? Wissen Sie, wie Google mit Suchenden Geld verdient? 976 Befragte Vertrauen Sie darauf, dass die Google-Suchergebnisse korrekt sind? 944 Befragte Denken Sie, dass sich Ihre Google-Suchergebnisse von den Google-Suchergebnissen anderer Personen unterscheiden? 894 Befragte Möchten Sie, dass Google Ihnen relevantere Ergebnisse liefert, wenn dies bedeutet, dass sie Ihr Suchprotokoll speichern und verwenden, um sie bereitzustellen? 867 Befragte Welche Arten von Suchanfragen vertrauen Sie am meisten auf Google-Ergebnisse? 828 Befragte
NEIN 63,7%
JA 36,3%
JA 72,3%
NEIN 27,7%
JA 56,5%
NEIN 43,5%
JA 34,7%
NEIN 65,3%
21,6% Regionale Unternehmen (zB Pizza in meiner Nähe)
28,1% Wie man etwas macht (zB wie man eine Krawatte bindet)
10,3% Das Beste aus einem Produkt finden (zB beste Ski)
40% spezifische Fragen (zB wer ist Snoke?)
Abbildung: Vertrauen die Nutzer den Google-Suchergebnissen? Quelle: „Do people trust Google Search Results?“, Google Consumer Confidence Report 2017
Noam Chomsky Noam Chomsky
Verwandtes Video:
Noam Chomsky Noam Chomsky
Verwandtes Video: