Gesundheit der Kinder

Mit Einzug digitaler Endgeräte in Kinderzimmer steigt neben Medienkonsum auch

die Selbstmordrate und die Zahl psychischer Entwicklungsstörungen.

trauriges Kind
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Das Wichtigste in Kürze Digitalisierung bedeutet für die Gesundheit der Kinder: Neue psychische Störungsbilder durch höheren sozialen Druck Mehr Unglücksempfinden Höhere Selbstmordraten Hirnphysiologisch bedingte Entwicklungsprobleme und Frühschäden durch Smartphone-Nutzung bereits im Kleinkind-Alter Psychische Erkrankungen, Burn-outs, Depressionen, Suchtverhalten und erlahmendes sexuelles Verhalten bei Pubertierenden

1. Psychische Belastungen bei

Kindern und Jugendlichen

Digitale Medien und die Wandlungen von Lebenswelten und der Interaktion zwi- schen Familien und Freunden schaffen neue Rahmenbedingungen für die psychi- sche Entwicklung und Identitätsfindung junger Menschen. Es zeigen sich neue psychische Störungsbilder. Zahlreiche Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche heute unglücklicher aufwachsen als noch vor 15 Jahren. Sie sind heute in stärkerem Maße sozialem Druck ausgesetzt als früher. Auch die ständige Reizüberflutung, der Drang, ständig neue Inhalte zu konsumieren und publizieren zu müssen, machen Kinder und Jugendliche häufig unausgeglichener und unkonzentrierter. Es konnte nachgewiesen werden, dass die Kurzsichtigkeit unter Kindern und Jugendlichen deutlich angestiegen ist. Die Zunahme ist vor allem auf frühen und intensiven Gebrauch von PCs, Smartphones und Tablets bei gleichzeitig immer kürzeren Tagesaufenthalten im Freien zurückzuführen, so Professor Dr. Nicole Eter, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Augenheilkunde (DOG). Laut einer Studie der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) ist die Zahl der 13- bis 18-Jährigen, die an einer Depression erkranken, zwischen 2007 und 2017 um 120 Prozent gestiegen. Das lasse sich zum Teil auf eine dauerbeschleunigte Gesellschaft, digitale Reizüberflutung sowie Mobbing in sozialen Netzwerken zurückführen, schlussfolgert die Studie.

2. Selbstmorde

Die Selbstmordrate nimmt in den USA seit Einführung des Apple iPhone im Jahr 2007 bei Minderjährigen drastisch zu. Der Anstieg ist dabei bei Mädchen am größten, so die Studienautorin Donna Ruch, Postdoktorandin am Center for Suicide Prevention and Research des Nationwide Children's Hospital in Ohio. Selbstmord ist inzwischen die zweithäufigste Todesursache bei Amerikanern im Alter von 10 bis 19 Jahren. In der in "JAMA network open" veröffentlichten Studie untersuchten die amerikanischen Forscher Daten zu Selbstmorden bei Jugendlichen von 1975 bis 2016. Die Ergebnisse zeigen, dass die Selbstmordraten bei Jugendlichen beiderlei Geschlechts Anfang der neunziger Jahre zurückgingen. Seit 2007 (Einführung Apple iPhone) nehmen sie bei beiden Geschlechtern zu, wobei die Zuwächse bei Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren am größten sind.

3. Kindliche Psyche und Medien-

konsum

Die Ergebnisse der BLIKK-Medienstudie der Bundesregierung und des Berufs- verbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) über die Auswirkungen des Medienkonsums von Kindern sind alarmierend. Der BLIKK-Studie zufolge nutzen 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter das Smartphone ihrer Eltern täglich mehr als eine halbe Stunde lang. Digitaler Medienkonsum führt zu Sprachentwick- lungs- und Konzentrationsstörungen, Lese-, Rechtschreib- und Aufmerksam- keitsschwächen, Hyperaktivität, innere Unruhe und Aggressivität, Schlafstörun- gen, motorische Störungen und zur Internetabhängigkeit. Auch Säuglinge leiden unter Essens- und Einschlafstörungen, wenn die Mutter, während sie das Kind betreut, auch digitale Medien nutzt. In einem Artikel in „Erziehungskunst“ schreibt Neurobiologin Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt, die den Bereich Neuroanatomie an der Fakultät für Biologie an der Universität Bielefeld leitete: „Sobald sich zwischen die notwendigerweise zugewandten Mutter-Kind- Kontakte das Smartphone schiebt, löst das Beziehungskonflikte aus und bahnt Probleme an. Selbst im Grundschulalter spielt das Lernen durch Nachahmung eine Hauptrolle. Lernen und Entwicklung bleiben die zwei Seiten einer Medaille. Die unmittelbare Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Freunden und Päda- gogen – beider Geschlechter – sind für die Entwicklung des Sozialverhaltens elementar wichtig. Der elterliche Umgang mit digitalen Medien im Privat- leben kann gar nicht ohne Folgen für das Kind bleiben. Sobald sich die digitale Welt in die Intimsphäre des Kindes einfügt, wird das Kind in ein zwanghaftes Begehren versetzt. Eltern tun gerade auch im Eigeninteresse gut daran, das außerberufliche Leben im herkömmlichen Sinn analog zu gestalten und der medialen Beschleunigung in jeder Hinsicht entgegenzuwirken. Präpubertär öffnet sich ein erster Türspalt für begriffliche Inhalte. Aber das bedeutet überhaupt nicht grünes Licht für ein Kinder-Smartphone. Im Gegenteil, nun kommt es darauf an, den Assoziationskortex wirklich zum Denken anzuregen. Das Wischen über das Tablet führt automatisch zu einer überschleunigten Neugierde und verhindert das Stirnhirn daran, erste assoziative Aktivitäten wirklich in Gang zu setzen und Gedächtnisspuren anzulegen. Ein frühes Nachdenken einzuüben und zu strukturieren kann hirnpyhsiolo- gisch gar nicht stattfinden. Wenn heute bereits 40-60% der Siebenjährigen mit einem digitalen Gerät ausgestattet sind, dann zieht das eine kolossal kopflose junge Generation heran. Frühkindlicher Medienkonsum führt nicht nur zu folgenschwerer Kopflosig- keit, sondern die Schäden sind noch umfassender. Mut, Ausdauer, Flexibilität, Empathie, Angstbewältigung, das alles sind Eigenschaften, die jedes Kind durch handfeste Erfahrungen in sich verankern muss. […] Das Handy in der Schultasche verhindert als »digitale Nabelschnur« die psycho-soziale Abnabelung von der Mutter und kann ein inzwischen bereits verbreitetes »symbiotisches Angstsyndrom« erzeugen. Das wiederrum kann die Grundlage für die Ausbildung einer Depression werden. Zudem kann sich im digitalen Kinderzimmer und beim Smartphonen in sozialen Netzen heim- lich manche traumatische Erfahrung einstellen. Wir wissen ja, dass ein frühkindlich erfahrenes Trauma erst in der Adoleszenz oder später zutage tritt und tragische Folgen hat. Diese Aussage hirnphysio- logisch durch Studien zur Neuroplastizität von Nervenzellen und Transmittern zu begründen, hat mein Forscherleben bestimmt und eine über die Jahr- zehnte anhaltend hohe Zahl junger Nachwuchswissenschaftler in Anspruch genommen. Da wir die Frühschäden an Schulkindern schon deutlich erkennen und die Alarmglocken längst anschlagen, werden Spätfolgen nicht ausbleiben. Bleiben wir zunächst bei den Frühschäden. Durch kindlichen Medienkonsum erkannte Frühschäden betreffen eventuell eine sprachliche und körperliche Retardierung, Beeinträchtigung der Hand-Koordination und damit der Schreibfähigkeit, auffällige Konzentrations- und Antriebsschwächen, Lern- probleme und Schlafstörungen oder/und eine autistoide Symptomatik. Hinter all diesen Symptomen stehen defizitärer Kontaktbildungen in höheren Hirnfeldern und zusätzlich eine weitreichende Fehlsteuerung der Reifung von Neurotransmittern. […] Die Zunahme von psychischen Erkrankungen im Jugendalter und der gewaltige Anstieg von Patienten mit Depressionen und Burnout-Syndrom sollten doch endlich zu einer ersten Konsequenz führen, nämlich den privaten und schulischen Digital-Wahn zu bremsen.“

4. Störungen der Sexualität

Die englische Professorin und Analytikerin für Kinder und Jugendliche Alessandra Lemma untersuchte die sexuelle Identitätsbildung im digitalen Zeit- alter und kam zu dem Ergebnis, dass der grenzenlose Zugang zur Cyberporno- grafie ein sexuell grenzenloses Klima schaffe, welches die Identitätsbildung erschweren könnte. Für die sexuelle Selbstfindung benötige man Spiegelung. Kinder und Jugendliche fänden diese anstelle in der Realität nun im Monitor oder Smartphone als eine „Orgie an Möglichkeiten“, die einen intrusiv-„pushen- den“ Charakter haben. Die schamfreie anonyme Onlineverständigung mit Gleichgesinnten wirken zum einen entlastend, schließe aber durch die Vielzahl und Intensität der Bilder die tastende Erforschung der Spezifität des eigenen Begehrens eher aus und programmiere so für die real gelebte Sexualität Enttäuschung vor. Das Begehren im Kontext einer realen Beziehung zu entwi- ckeln und zu leben, werde dadurch schwieriger. Die seit 1972 laufende US-Studie "General Social Survey", für die regelmäßig fast 27,000 Probanden befragt werden, deutet auf erlahmende sexuelle Aktivität hin. 15 Prozent der heute 20- bis 24-Jährigen hatte demnach seit dem 18. Geburtstag keinen Sex mehr. Zum Vergleich: Als zwischen 1965 und 1969 geborenen Studien- teilnehmern im gleichen Alter diese Frage gestellt wurde, lag die Abstinenzquote bei nur sechs Prozent. Weil junge Menschen viel Zeit online verbringen, gibt es immer weniger persönlichen Kontakt zu Menschen und dadurch auch weniger Sex.

5. Größenordnung

In Deutschland gelten mittlerweile rund 600.000 Jugendliche und junge Erwachsene als internetabhängig und zweieinhalb Millionen als problematische Internetnutzer. Zwei Drittel der Kinder zwischen zwei und fünf Jahren schaffen es höchstens zwei Stunden lang, ohne Digitalgerät zu spielen. Es entwickelt sich eine Sucht und das Verhalten setzt sich immer weiter fort. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt die Online-Spielsucht seit Juni 2018 offiziell als Krankheit. Schätzungen gehen in Deutschland von rund einer halben Million Spielern aus. Diese Krankheit, «Internetsucht», ist vergleichbar mit Spielsucht. Betroffene verlieren die Selbstkontrolle, darunter leiden ihr Alltag, Schule und Arbeitswelt, Sozialleben und der Geisteszustand. Die Folge ist verzerrte Wahrnehmung der Realität, Vereinsamung und Konzentrations- schwäche. Körperliche Folgen können Übergewicht, Sehstörungen und andau- ernde Kopfschmerzen sein. Die Schlussfolgerungen der Gesundheits- und Bildungspolitik für zielgruppenspe- zifische Präventionsstrategien sind dürftig. Dafür setzt man mit dem Digitalpakt die Kinder und Jugendlichen noch stärker digitalen Geräten aus.
Publikationen: „Always On“, Dr. Klaus Wölfling et a., 2016
Publikationen: WHO erklärt Online-Spielsucht offiziell zur Krankheit, Spiegel Computerspielabhängigkeit, Wikipedia Internetabhängigkeit: Dem realen Leben entschwunden. Bühring, P. Dtsch. Ärzteblatt 2016; 113(49): A-2252 ff Kinder-Medien-Studie 2019, Breinig, K. Digital Junkies. Internetabhängigkeit und ihre Folgen für uns und unsere Kinder. De Wildt, B. Verlags¬gruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München 2015

Grundlagen zur

Digitalisierung

Slaughterbots Slaughterbots
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Slaughterbots Slaughterbots Selbstmordtrends bei Jugendlichen im Alter von 10 bis 19 Jahren in den USA, 1975 bis 2016 3,0 2,5 2,0 1,5 1,0 0,5 0 1975 1980 Männlich Weiblich 2015 1985 1990 1995 2000 2010 2005 Alter 10 bis 14 Jahre Selbstmordrate pro 100.000 Einwohner Jahr 20 18 16 14 12 10 8 6 4 2 0 1975 1980 2015 1985 1990 1995 2000 2010 2005 Alter 15 bis 19 Jahre Selbstmordrate pro 100.000 Einwohner Jahr
Abbildung: Suizidratentrends werden als lineare Segmente angezeigt, die am Verbindungspunkt oder im Jahr verbunden sind, wenn sich die Steigung jedes Trends erheblich ändert. Datenmarkierungen zeigen beobachtete Raten an und durchgezogene Linien zeigen Modellraten an. Quelle: Selbstmordtrends bei Jugendlichen im Alter von 10 bis 19 Jahren in den USA, 1975 bis 2016. JAMA network open
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Das Kind wünscht sich eigenen/eigenes … Basis: 7,31 Mio. Gesamt 4-13 Jahre, Angaben in %. 4-5-Jähriger: Antworten der Eltern, 6-13-Jährige: Antworten der Kinder. Smartphone oder Tablet  Digitale Spiele oder Spielgeräte  Computer / Laptop   Spiele / Karten / Puzzle   Spiel- / Bastel- /  Experimentierkästen   Stofftiere / Puppen   Fernseher   Fahrrad 2017 2018 2019
56%
41%
26%
33%
33%
25%
19%
22%
Quelle: Kinder-Medien-Studie 2019, Breinig, K. Zum dritten Mal in Folge präsentieren sechs Verlagshäuser gemeinsam die Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung, die detaillierte Einblicke in die Medienwelt und Lebensrealität der 7,31 Millionen 4- bis 13- jährigen Kinder in Deutschland bietet. Sie ist die einzig zählbare Studie ihrer Art in Deutschland und liefert unter anderem Erkenntnisse aus den Bereichen Medien, Kommunikation, Freizeit und Konsum – durch Antworten von Kindern und Eltern.
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1. Psychische Belastungen

bei Kindern und

Jugendlichen

Digitale Medien und die Wandlungen von Lebens- welten und der Interaktion zwischen Familien und Freunden schaffen neue Rahmenbedingungen für die psychische Entwicklung und Identitätsfindung junger Menschen. Es zeigen sich neue psychische Störungsbilder. Zahlreiche Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche heute unglücklicher aufwachsen als noch vor 15 Jahren. Sie sind heute in stärkerem Maße sozialem Druck ausgesetzt als früher. Auch die ständige Reizüberflutung, der Drang, ständig neue Inhalte zu konsumieren und publizieren zu müssen, machen Kinder und Jugendliche häufig unausgeglichener und unkonzentrierter. Es konnte nachgewiesen werden, dass die Kurz- sichtigkeit unter Kindern und Jugendlichen deutlich angestiegen ist . Die Zunahme ist vor allem auf frühen und intensiven Gebrauch von PCs, Smart- phones und Tablets bei gleichzeitig immer kürzeren Tagesaufenthalten im Freien zurückzuführen, so Professor Dr. Nicole Eter, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Augenheilkunde (DOG). Laut einer Studie der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) ist die Zahl der 13- bis 18-Jährigen, die an einer Depression erkranken, zwischen 2007 und 2017 um 120 Prozent gestiegen. Das lasse sich zum Teil auf eine dauerbeschleunigte Gesellschaft, digitale Reiz- überflutung sowie Mobbing in sozialen Netzwerken zurückführen, schlussfolgert die Studie.

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Die Selbstmordrate nimmt in den USA seit Einfüh- rung des Apple iPhone im Jahr 2007 bei Minder- jährigen drastisch zu. Der Anstieg ist dabei bei Mädchen am größten, so die Studienautorin Donna Ruch, Postdoktorandin am Center for Suicide Pre- vention and Research des Nationwide Children's Hospital in Ohio. Selbstmord ist inzwischen die zweithäufigste Todesursache bei Amerikanern im Alter von 10 bis 19 Jahren. In der in "JAMA network open" veröffentlichten Studie untersuchten die amerikanischen Forscher Daten zu Selbstmorden bei Jugendlichen von 1975 bis 2016. Die Ergebnisse zeigen, dass die Selbstmordraten bei Jugendlichen beiderlei Geschlechts Anfang der neunziger Jahre zurückgingen. Seit 2007 (Einführung Apple iPhone) nehmen sie bei beiden Geschlechtern zu, wobei die Zuwächse bei Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren am größten sind.

3. Kindliche Psyche und

Medien-konsum

Die Ergebnisse der BLIKK-Medienstudie der Bundesregierung und des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) über die Auswir- kungen des Medienkonsums von Kindern sind alar- mierend. Der BLIKK-Studie zufolge nutzen 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter das Smartphone ihrer Eltern täglich mehr als eine halbe Stunde lang. Digitaler Medienkonsum führt zu Sprachentwick- lungs- und Konzentrationsstörungen, Lese-, Rechtschreib- und Aufmerksamkeitsschwächen, Hyperaktivität, innere Unruhe und Aggressivität, Schlafstörungen, motorische Störungen und zur Internetabhängigkeit. Auch Säuglinge leiden unter Essens- und Einschlafstörungen, wenn die Mutter, während sie das Kind betreut, auch digitale Medien nutzt. In einem Artikel in „Erziehungskunst“ schreibt Neurobiologin Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt, die den Bereich Neuroanatomie an der Fakultät für Biologie an der Universität Bielefeld leitete: „Sobald sich zwischen die notwendigerweise zugewandten Mutter-Kind-Kontakte das Smart- phone schiebt, löst das Beziehungskonflikte aus und bahnt Probleme an. Selbst im Grundschulalter spielt das Lernen durch Nachahmung eine Hauptrolle. Lernen und Ent- wicklung bleiben die zwei Seiten einer Medaille. Die unmittelbare Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Freunden und Pädagogen – beider Geschlechter – sind für die Entwicklung des Sozialverhaltens elementar wichtig. Der elterliche Umgang mit digitalen Medien im Privatleben kann gar nicht ohne Folgen für das Kind bleiben. Sobald sich die digitale Welt in die Intimsphäre des Kindes einfügt, wird das Kind in ein zwang- haftes Begehren versetzt. Eltern tun gerade auch im Eigeninteresse gut daran, das außer- berufliche Leben im herkömmlichen Sinn analog zu gestalten und der medialen Beschleunigung in jeder Hinsicht entgegenzuwirken. Präpubertär öffnet sich ein erster Türspalt für begriffliche Inhalte. Aber das bedeutet über- haupt nicht grünes Licht für ein Kinder-Smart- phone. Im Gegenteil, nun kommt es darauf an, den Assoziationskortex wirklich zum Denken anzuregen. Das Wischen über das Tablet führt automatisch zu einer überschleunigten Neu- gierde und verhindert das Stirnhirn daran, erste assoziative Aktivitäten wirklich in Gang zu setzen und Gedächtnisspuren anzulegen. Ein frühes Nachdenken einzuüben und zu strukturieren kann hirnpyhsiologisch gar nicht stattfinden. Wenn heute bereits 40-60% der Siebenjährigen mit einem digitalen Gerät ausgestattet sind, dann zieht das eine kolossal kopflose junge Generation heran. Frühkindlicher Medienkonsum führt nicht nur zu folgenschwerer Kopflosigkeit, sondern die Schäden sind noch umfassender. Mut, Ausdauer, Flexibilität, Empathie, Angstbewältigung, das alles sind Eigenschaften, die jedes Kind durch handfeste Erfahrungen in sich verankern muss. […] Das Handy in der Schultasche verhindert als »digitale Nabelschnur« die psychosoziale Abna- belung von der Mutter und kann ein inzwischen bereits verbreitetes »symbiotisches Angst- syndrom« erzeugen. Das wiederrum kann die Grundlage für die Ausbildung einer Depression werden. Zudem kann sich im digitalen Kinder- zimmer und beim Smartphonen in sozialen Netzen heimlich manche traumatische Erfahrung einstellen. Wir wissen ja, dass ein frühkindlich erfahrenes Trauma erst in der Adoleszenz oder später zutage tritt und tragische Folgen hat. Diese Aussage hirnphysiologisch durch Studien zur Neuroplastizität von Nervenzellen und Transmittern zu begründen, hat mein Forsch- erleben bestimmt und eine über die Jahrzehnte anhaltend hohe Zahl junger Nachwuchswissen- schaftler in Anspruch genommen. Da wir die Frühschäden an Schulkindern schon deutlich erkennen und die Alarmglocken längst anschlagen, werden Spätfolgen nicht ausblei- ben. Bleiben wir zunächst bei den Frühschäden. Durch kindlichen Medienkonsum erkannte Früh- schäden betreffen eventuell eine sprachliche und körperliche Retardierung, Beeinträchtigung der Hand-Koordination und damit der Schreib- fähigkeit, auffällige Konzentrations- und Antriebsschwächen, Lern-probleme und Schlaf- störungen oder/und eine autistoide Sympto- matik. Hinter all diesen Symptomen stehen defizitärer Kontaktbildungen in höheren Hirnfel- dern und zusätzlich eine weitreichende Fehl- steuerung der Reifung von Neurotransmittern. […] Die Zunahme von psychischen Erkrankungen im Jugendalter und der gewaltige Anstieg von Pa- tienten mit Depressionen und Burnout-Syndrom sollten doch endlich zu einer ersten Konsequenz führen, nämlich den privaten und schulischen Digital-Wahn zu bremsen.“

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Sexualität

Die englische Professorin und Analytikerin für Kinder und Jugendliche Alessandra Lemma unter- suchte die sexuelle Identitätsbildung im digitalen Zeitalter und kam zu dem Ergebnis, dass der gren- zenlose Zugang zur Cyberpornografie ein sexuell grenzenloses Klima schaffe, welches die Identitäts- bildung erschweren könnte. Für die sexuelle Selbst- findung benötige man Spiegelung. Kinder und Jugendliche fänden diese anstelle in der Realität nun im Monitor oder Smartphone als eine „Orgie an Möglichkeiten“, die einen intrusiv-„pushenden“ Charakter haben. Die schamfreie anonyme Online- verständigung mit Gleichgesinnten wirken zum einen entlastend, schließe aber durch die Vielzahl und Intensität der Bilder die tastende Erforschung der Spezifität des eigenen Begehrens eher aus und programmiere so für die real gelebte Sexualität Enttäuschung vor. Das Begehren im Kontext einer realen Beziehung zu entwickeln und zu leben, werde dadurch schwieriger. Die seit 1972 laufende US-Studie "General Social Survey", für die regelmäßig fast 27.000 Probanden befragt werden, deutet auf erlahmende sexuelle Aktivität hin. 15 Prozent der heute 20- bis 24- Jährigen hatte demnach seit dem 18. Geburtstag keinen Sex mehr. Zum Vergleich: Als zwischen 1965 und 1969 geborenen Studienteilnehmern im glei- chen Alter diese Frage gestellt wurde, lag die Abs- tinenzquote bei nur sechs Prozent. Weil junge Menschen viel Zeit online verbringen, gibt es immer weniger persönlichen Kontakt zu Menschen und dadurch auch weniger Sex.

5. Größenordnung

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Abbildung: Suizidratentrends werden als lineare Segmente angezeigt, die am Verbindungspunkt oder im Jahr verbunden sind, wenn sich die Steigung jedes Trends erheblich ändert. Datenmarkierungen zeigen beo- bachtete Raten an und durchgezogene Linien zeigen Modellraten an. Quelle: Selbstmordtrends bei Jugendlichen im Alter von 10 bis 19 Jahren in den USA, 1975 bis 2016. JAMA network open
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